ADHS in der Ferienzeit
ADHS in der Ferienzeit
Warum schulfreie Zeit für viele Kinder zur Belastung wird
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Bauchliebe.ch - von Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin

Ferien gelten als Erholungszeit. Kein Stundenplan, kein Leistungsdruck, kein frühes Aufstehen. Für Kinder mit ADHS kann genau diese schulfreie Zeit jedoch das Gegenteil bewirken. Statt Entspannung entstehen innere Unruhe, Überforderung und emotionale Instabilität. Viele Eltern erleben in den Ferien mehr Konflikte, stärkere Stimmungsschwankungen und eine deutlich geringere Belastbarkeit ihrer Kinder – und fragen sich, warum ausgerechnet jetzt alles schwieriger wird.
Der Grund liegt nicht im fehlenden Willen des Kindes, sondern in der Art, wie ADHS das Gehirn strukturiert. Kinder mit ADHS sind stark auf äussere Ordnung angewiesen. Feste Abläufe, klare Übergänge und vorhersehbare Tage wirken regulierend auf Aufmerksamkeit, Emotionen und Verhalten. Der Schulalltag übernimmt diese Funktion automatisch. In den Ferien fällt dieses Gerüst weg – und das Kind muss plötzlich selbst regulieren, was neurologisch nur eingeschränkt möglich ist.
Wenn Freiheit überfordert
Was Erwachsene als Freiheit empfinden, erleben Kinder mit ADHS häufig als Überforderung. Zu viele Möglichkeiten, zu viele Eindrücke, zu wenig Orientierung. Jeder Ferientag beginnt neu, ohne klaren Rahmen. Wann wird gegessen? Was passiert heute? Wie lange dauert etwas? Was kommt danach? Diese offenen Fragen erzeugen inneren Stress, auch wenn das Kind ihn nicht benennen kann.
Hinzu kommt eine erhöhte Reizdichte. Ferien bedeuten oft Reisen, Ausflüge, Besuch, wechselnde Umgebungen, ungewohnte Geräusche, andere Schlafzeiten. Das Nervensystem von Kindern mit ADHS filtert Reize schlechter. Es entsteht schneller eine Reizüberflutung, die sich in Gereiztheit, Aggression, Rückzug oder völliger Erschöpfung äussert. Was von aussen wie Trotz wirkt, ist häufig ein Schutzmechanismus.
Emotionale Erwartungen verstärken den Druck
Ferien sind emotional aufgeladen. Es soll schön sein. Harmonisch. Erholsam. Kinder spüren diese Erwartungen sehr genau. Wenn sie merken, dass ihre innere Unruhe nicht dazu passt, entsteht zusätzlicher Druck. Viele Kinder mit ADHS erleben dann Schuldgefühle oder das Gefühl, „falsch“ zu sein. Diese innere Spannung entlädt sich oft im familiären Umfeld – dort, wo das Kind sich sicher fühlt.
Auch Eltern geraten in einen Daueranspruch. Mehr gemeinsame Zeit bedeutet mehr Präsenz, mehr Organisation, mehr emotionale Begleitung. Gleichzeitig fehlen Entlastungsstrukturen wie Schule, Betreuung oder Therapien. Die Belastung steigt auf beiden Seiten. Gerade deshalb eskalieren Konflikte in den Ferien oft schneller und heftiger als im Alltag.
Geschwister nicht vergessen
Ein weiterer zentraler Aspekt der Ferienzeit ist die Situation der Geschwister. Sie erleben mehr Nähe, aber auch mehr Spannungen. Rückzugsmöglichkeiten fehlen, Aufmerksamkeit muss geteilt werden, Konflikte häufen sich. Geschwister von Kindern mit ADHS passen sich oft an, stellen eigene Bedürfnisse zurück oder reagieren mit Frustration. In den Ferien wird diese Dynamik besonders sichtbar.
Wichtig ist, diese Gefühle ernst zu nehmen. Ferien müssen nicht konfliktfrei sein, um wertvoll zu sein. Entlastung entsteht bereits dann, wenn alle Beteiligten verstehen, warum bestimmte Situationen schwierig sind – und dass nicht jemand „schuld“ ist.
Was Kindern mit ADHS in den Ferien wirklich hilft
Entlastung entsteht nicht durch ein vollgepacktes Ferienprogramm, sondern durch Verlässlichkeit. Kinder mit ADHS profitieren von klaren Fixpunkten im Tag: ähnliche Aufstehzeiten, regelmässige Mahlzeiten, planbare Ruhephasen. Es braucht keinen strikten Stundenplan, aber Wiederholung und Vorhersehbarkeit.
Ebenso wichtig sind reizarme Zeiten. Momente ohne Erwartungen, ohne Programm, ohne ständige Aktivierung. Langeweile ist kein Problem, sondern oft der Beginn von innerer Regulation. Auch Bewegung hilft – allerdings dosiert. Kurze, regelmässige Aktivität wirkt stabilisierender als ein überladener Ausflugstag.
Entscheidend ist die innere Haltung der Erwachsenen. Verhalten darf als Signal verstanden werden, nicht als Provokation. Kinder mit ADHS handeln selten absichtlich schwierig. Ihr Verhalten zeigt, dass das innere Gleichgewicht verloren gegangen ist. Wer das erkennt, kann gelassener reagieren und Eskalationen vermeiden.
Ferien sind keine Prüfung
Ferienzeit ist keine Messlatte für Erziehung oder Familienharmonie. Sie ist eine Phase, in der sichtbar wird, wie viel Regulation ein Kind von aussen braucht. Rückschritte sind normal. Anstrengende Tage gehören dazu. Ziel ist nicht Perfektion, sondern Verständnis, Entlastung und Beziehung.
Wer diese Zeit nutzt, um genauer hinzuschauen, gewinnt wertvolle Erkenntnisse für den Alltag. Nicht alles muss sofort besser werden. Aber vieles wird erklärbarer – und damit leichter zu tragen.
Ganz am Schluss ein Hinweis für alle, die Kinder mit ADHS begleiten oder Geschwister besser verstehen möchten: Der Ratgeber Mein grosser Bruder Matti beschreibt ADHS aus einer familiären Innenperspektive – ruhig, empathisch und alltagsnah. Gerade nach herausfordernden Ferien kann dieses Buch helfen, Verhalten neu einzuordnen und mit mehr Verständnis in den nächsten Alltag zu starten.
Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin von Bauchliebe.ch
V.A. Pädagogin und Mutter von drei Kindern