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Die Schweizer Textilindustrie

Die Schweizer Textilindustrie

Durch: André Kurmann Kommentare: 0

Die Schweizer Textilindustrie – Von der Stickereihochburg zur global vernetzten Qualitätskompetenz

Die Geschichte der Schweizer Textilindustrie ist eine Geschichte von Aufstieg, Internationalisierung, Krise und intellektueller Transformation. Und sie ist untrennbar mit St. Gallen verbunden – jener Stadt, in der Stoff einst Weltwirtschaft bedeutete und deren industrielle Dynamik nicht nur Wohlstand, sondern auch eine akademische Institution von internationalem Rang hervorbrachte.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich St. Gallen zum globalen Zentrum der Stickerei. Mechanisierte Stickmaschinen ermöglichten eine bis dahin ungeahnte Skalierung feinster Textilien. Die Bezeichnung „St. Galler Stickerei“ wurde zu einem Qualitätsversprechen, das in den Modehäusern von Paris, London und New York geschätzt war. Um 1910 gehörte die Schweiz zu den führenden Textil-Exportnationen der Welt. Ein beträchtlicher Teil der nationalen Wertschöpfung beruhte auf Garn, Spitze und feiner Verarbeitung. Kapital sammelte sich, internationale Handelsnetzwerke entstanden, unternehmerisches Denken professionalisierte sich.

Aus diesem wirtschaftlichen Umfeld heraus wurde 1898 die Handelshochschule in St. Gallen gegründet – die heutige Universität St. Gallen. Ihr Zweck war klar: Die exportorientierte Industrie benötigte Fachkräfte, die internationale Märkte verstanden, Verträge beurteilen konnten, Währungsfragen einschätzten und Unternehmen strategisch führten. Die HSG entstand nicht aus akademischer Selbstreferenz, sondern aus industrieller Notwendigkeit. Sie war Antwort auf eine global vernetzte Textilwirtschaft und sollte deren Komplexität wissenschaftlich fundieren. Wirtschaftspraxis und Theorie waren von Beginn an eng miteinander verwoben.

Doch die Abhängigkeit vom Export machte die Branche verwundbar. Der Erste Weltkrieg, spätere Währungskrisen und die zunehmende Konkurrenz aus Ländern mit tieferen Produktionskosten führten zu einem tiefgreifenden Strukturwandel. Arbeitsintensive Fertigungsschritte wurden ins Ausland verlagert. Viele Betriebe in der Ostschweiz mussten schliessen. Die grosse industrielle Dominanz der Schweizer Textilproduktion war beendet.

Was blieb, war jedoch kein Bedeutungsverlust im geistigen Sinn, sondern eine Neuorientierung. Die Schweiz zog sich nicht aus dem Textilbereich zurück, sondern veränderte ihre Rolle. Heute ist sie kein Massenproduzent mehr, sondern ein Standort für Spezialisierung, Innovation und Qualitätsentwicklung. In St. Gallen entstehen weiterhin hochwertige Stickereien für internationale Luxusmarken. Technische Textilien für Medizin, Bauwesen oder Mobilität werden entwickelt. Forschung, Design und Qualitätskontrolle haben die frühere Volumenproduktion ersetzt.

Gleichzeitig sind die Wertschöpfungsketten global geworden. Textilien, die heute in der Schweiz verkauft werden – auch solche mit anspruchsvollen Nachhaltigkeitsstandards – werden überwiegend im Ausland produziert. Gerade im Bereich GOTS-zertifizierter Textilien stammen die meisten Produkte aus Ländern mit grosser Bio-Baumwollproduktion und etablierter Fertigungsinfrastruktur. Indien nimmt hier eine zentrale Rolle ein, da es weltweit zu den wichtigsten Produzenten von biologisch angebauter Baumwolle gehört. Auch die Türkei ist ein bedeutender Standort, da sie eigene Textiltradition mit geographischer Nähe zu Europa verbindet. Bangladesch und China verfügen über grosse Produktionskapazitäten, wobei zertifizierte Betriebe dort ökologische und soziale Standards erfüllen müssen, um GOTS-konform zu arbeiten. Portugal hat sich im Premiumsegment etabliert und produziert für europäische Marken mit vergleichsweise kurzen Lieferketten.

Die Schweiz selbst ist im globalen Vergleich kein bedeutender Produktionsstandort für Bio-Baumwolltextilien mehr. Ihre Stärke liegt heute in Markenführung, Qualitätskontrolle, Handel, Produktentwicklung und im Aufbau transparenter Lieferketten. Das textile Erbe zeigt sich weniger in grossen Fabrikhallen als in Kompetenz, Präzision und unternehmerischem Denken.

Was ist also übrig geblieben von der grossen Textilära St. Gallens?

Geblieben ist eine wirtschaftliche Mentalität, die auf Internationalität, Qualitätsbewusstsein und Innovationskraft basiert. Geblieben ist eine Universität, deren Gründung direkt mit der Exportlogik der Textilindustrie verbunden ist und die bis heute Führungskräfte für global vernetzte Wirtschaftssysteme ausbildet. Geblieben sind spezialisierte Unternehmen, die im Luxus- und Hightech-Segment international anerkannt sind. Und geblieben ist ein historisches Bewusstsein dafür, dass Wohlstand nicht selbstverständlich ist, sondern Ergebnis von Anpassungsfähigkeit.

Die Schweizer Textilindustrie hat sich von der Werkbank zur Wissensindustrie entwickelt. Sie produziert weniger Stoff, aber mehr Know-how. Sie steht nicht mehr für Masse, sondern für Komplexität. Und vielleicht liegt genau darin ihre Kontinuität: im Anspruch, Wertschöpfung mit Verantwortung, Präzision und strategischem Denken zu verbinden – damals in der Stickerei, heute in global zertifizierten Lieferketten.

André Kurmann
Co-Founder Bauchliebe.ch
Marketing Executive HSG

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