Orientierung und Vertrauen durch Marken ?
Wer hat Marken für wen erfunden ? – Warum Eltern heute skeptisch sein dürfen
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Bauchliebe.ch - von Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin

Elternsein ist heute selten laut, aber fast immer voll. Voll mit Entscheidungen, die sich klein anfühlen und trotzdem schwer wiegen. Welche Kleidung ist die richtige? Welches Material passt zur Haut meines Kindes? Was ist wirklich alltagstauglich – und was nur gut erzählt? Es sind keine grossen Fragen. Es sind viele kleine. Und genau darin liegt ihre Erschöpfung.
Wer einmal nachts ein Kind umgezogen hat, weiss: Konsum ist hier kein Lifestyle. Er ist Funktion. Nähe. Verantwortung. Entscheidungen entstehen nicht aus Lust, sondern aus Notwendigkeit. Und genau deshalb lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu fragen, was Marken in diesem Kontext eigentlich leisten – und was nicht.
Marken wurden nicht erfunden, um schön zu sein. Sie entstanden aus Mangel. Aus fehlender Übersicht. Aus fehlendem Vertrauen. In einer zunehmend anonymen Welt brauchte es Zeichen, die Herkunft markierten. Ein Name, ein Symbol, ein stilles Versprechen: Das ist von mir. Dafür stehe ich. Lange war das sinnvoll. Lange war es auch ehrlich.
Doch je komplexer Märkte wurden, desto stärker verschob sich die Rolle der Marke. Aus Orientierung wurde Abgrenzung. Aus Verlässlichkeit wurde Aufladung. Aus einem Zeichen wurde eine Geschichte. Und aus der Geschichte ein Gefühl. Heute versprechen Marken nicht nur Qualität, sondern Sicherheit, Zugehörigkeit, Entlastung. Sie sprechen nicht mehr nur den Verstand an, sondern das Gewissen.
Gerade Eltern sind dafür empfänglich. Nicht, weil sie leichtsinnig konsumieren, sondern weil sie Verantwortung tragen. Wer für ein Kind entscheidet, entscheidet nicht für sich selbst. Jede Wahl trägt ein leises „Hoffentlich richtig“. Und genau dort setzt modernes Elternmarketing an. Nicht laut, nicht plump, sondern subtil. Mit Worten, die beruhigen sollen. Sanft. Natürlich. Hochwertig. Reguliert. Besonders.
Das Problem ist nicht, dass diese Worte falsch sind. Das Problem ist, dass sie selten erklärt werden. Sie erzeugen Sicherheit, ohne zwingend Substanz offenzulegen. So entsteht eine stille Verschiebung: Eltern kaufen nicht mehr, weil sie etwas verstanden haben, sondern weil sie sich absichern wollen.
Eine Marke kann Orientierung geben. Sie kann aber auch Denken ersetzen. Und je voller der Alltag ist, desto verlockender wird genau das. Nicht mehr vergleichen. Nicht mehr prüfen. Nicht mehr abwägen. Einfach vertrauen. Einfach hoffen, dass es passt. Doch Vertrauen ohne Transparenz ist kein Geschenk. Es ist eine Abkürzung – und manchmal eine Abhängigkeit.
Besonders deutlich wird das bei Baby- und Kinderkleidung. Hier geht es nicht um Trends. Es geht um Haut. Um Schlaf. Um Temperatur. Um Bewegungsfreiheit. Um Kinder, die sich nicht erklären können, wenn etwas kratzt, drückt oder stört. Qualität zeigt sich hier nicht auf dem Etikett, sondern im Alltag. Nach dem Waschen. Nach dem Tragen. Nach der Nacht.
Viele Eltern erleben irgendwann einen leisen Wendepunkt. Der Schrank ist voll, und trotzdem greift man immer wieder zu denselben Stücken. Nicht, weil sie besonders sind. Sondern weil sie funktionieren. Weil sie ruhig sind. Weil sie sich bewährt haben. Vielleicht ist genau das der ehrlichste Test für Qualität: Bleibt sie, wenn der Alltag übernimmt?
Parallel dazu läuft ein anderes, stilles Spiel. Das mit dem schlechten Gewissen. Habe ich genug recherchiert? Habe ich das Richtige gewählt? Habe ich Empfehlungen von Hebammen und Kinderärzten verstanden, eingeordnet, für mich übersetzt? Hätte es etwas Besseres gegeben? Marketing nutzt dieses Gefühl nicht aggressiv, sondern tröstend. Es bietet Erlösung an. Die Botschaft ist selten ausgesprochen, aber klar: Wenn du das wählst, bist du auf der sicheren Seite.
Dabei verschiebt sich etwas Entscheidendes. Verantwortung wandert weg von der eigenen Erfahrung hin zur Verpackung. Vertrauen wird vorverlagert, noch bevor etwas erlebt wurde. Doch echtes Vertrauen entsteht nicht beim Kauf. Es entsteht danach. Wenn etwas nicht stört. Wenn es hält. Wenn man nicht mehr darüber nachdenken muss.
Ein weiteres Paradox unserer Zeit ist, dass alles besonders sein will. Jedes Produkt trägt eine Geschichte. Jedes Detail wird aufgeladen. Alles wird erklärt, begründet, emotionalisiert. Das Ergebnis ist nicht Orientierung, sondern Überforderung. Verlässlichkeit entsteht nicht durch Besonderheit, sondern durch Wiederholung. Durch das Unaufgeregte. Durch Dinge, die nicht ständig begründet werden müssen.
Und genau hier beginnt ein stiller Perspektivwechsel. Manche Eltern kaufen nicht mehr mehr, sondern weniger. Nicht aus Ideologie, sondern aus Erfahrung. Sie reduzieren nicht, weil sie müssen, sondern weil sie gelernt haben, was bleibt. Weniger Auswahl bedeutet plötzlich nicht Verlust, sondern Entlastung. Nicht Verzicht, sondern Klarheit.
Kritisch zu sein bedeutet dabei nicht, alles abzulehnen. Es bedeutet, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen. Wie fühlt sich das an? Wie verhält es sich im Alltag? Was zeigt mein Kind – nicht in Worten, sondern im Verhalten? Diese Fragen sind unbequemer als ein Etikett. Aber sie sind ehrlicher.
Vielleicht dürfen Eltern sich an dieser Stelle etwas zurückholen. Ihre Urteilskraft. Nicht als Kampf gegen Konsum, sondern als Rückbesinnung auf Erfahrung. Nicht jede Entscheidung muss perfekt sein. Nicht jede Wahl muss begründet werden. Nicht jedes Produkt muss eine Haltung tragen.
Manchmal reicht es, wenn etwas passt. Für den Moment. Für das Kind. Für den Alltag, so wie er gerade ist.
Marken wurden erfunden, um Orientierung zu geben. Heute müssen sie sich wieder daran messen lassen. Für Eltern bedeutet das nicht, alles abzulehnen. Sondern bewusster zu wählen. Weniger laut. Weniger perfekt. Mehr passend.
Und manchmal ist eine gute Entscheidung einfach die, die sich richtig anfühlt – auch ohne grosse Worte.
Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin von Bauchliebe.ch
Pädagogin und Mutter von drei Kindern