Richtig gekleidet für die Übergangszeit
Richtig gekleidet für die Übergangszeit - Gibt es diese Zeit eigentlich noch oder ist das Schnee von gestern?
Strategische Materialwahl statt Wetterlotterie
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Bauchliebe.ch - von Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin

Die sogenannte Übergangszeit ist kein poetischer Begriff, sondern eine reale klimatische Phase mit hoher Volatilität. In der Schweiz schwanken die Temperaturen im Frühling und Herbst oft um mehr als zehn Grad innerhalb eines Tages. Morgens liegt Reif auf den Wiesen, am Nachmittag scheint die Sonne mit spürbarer Kraft, am Abend zieht Wind auf. Für Erwachsene ist das unangenehm. Für Babys und Kleinkinder ist es thermophysiologisch anspruchsvoll. Genau hier entscheidet sich, ob Kleidung lediglich bedeckt oder funktional reguliert.

Der kindliche Organismus reguliert Temperatur anders als der erwachsene. Die Hautoberfläche ist im Verhältnis zur Körpermasse grösser, die Schweissproduktion noch nicht vollständig ausgereift, die Eigenbewegung begrenzt. Babys können Überhitzung nicht kommunizieren. Gleichzeitig kühlen sie bei Wind schneller aus. Kleidung übernimmt deshalb eine aktive Rolle im Temperaturmanagement. Sie ist kein modisches Accessoire, sondern ein textiles Regulationssystem.
Das zentrale Prinzip lautet Schichten statt Einzellösungen. Mehrere dünne Lagen erzeugen isolierende Luftpolster und ermöglichen flexible Anpassung an wechselnde Bedingungen. Die unterste Schicht liegt direkt auf der Haut und ist funktional entscheidend. Naturfasern wie Merinowolle oder Wolle-Seide wirken temperaturausgleichend. Sie können Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen, und geben sie kontrolliert wieder ab. Dadurch entsteht ein stabiles Mikroklima zwischen Haut und Textil. Gerade in der Übergangszeit, in der Sonneneinstrahlung und Wind abrupt wechseln, reduziert diese Eigenschaft Hitzestau und Auskühlung zugleich.

Ein Body aus Merino oder Wolle-Seide bildet deshalb eine verlässliche Basis. Darüber folgt eine isolierende Zwischenschicht, etwa ein Wollfleece-Overall oder eine Strickjacke aus Merino. Diese Schicht speichert Luft als natürliche Isolationszone, ohne die Atmungsaktivität zu blockieren. Synthetische Materialien können zwar winddicht sein, reagieren jedoch weniger adaptiv auf Temperaturwechsel. Sie speichern Wärme, regulieren aber Feuchtigkeit oft unzureichend.
Die äussere Lage dient in der Übergangszeit primär dem Windmanagement. Eine leichte Jacke oder ein dünner Overall mit windabweisender Funktion genügt in den meisten Situationen. Vollständig beschichtete Materialien sind meist nur bei starkem Regen notwendig. Entscheidend ist die Möglichkeit, einzelne Schichten rasch zu öffnen oder zu entfernen. Übergangszeit bedeutet Dynamik. Kleidung muss darauf reagieren können.

Auch Accessoires übernehmen eine regulatorische Funktion. Eine dünne Mütze aus Merino schützt am Morgen, kann aber am Mittag abgelegt werden. Ein Halstuch aus Musselin oder Wolle-Seide wirkt als flexible Windbarriere. Wollsocken regulieren Temperatur besser als dicke Thermosocken aus Mischgewebe. Kleine Elemente machen in dieser Phase den Unterschied zwischen Komfort und Überhitzung.
Für Eltern gilt eine einfache Kontrolllogik: Der Nacken ist warm und trocken, die Haut fühlt sich nicht feucht an, das Kind wirkt beweglich und entspannt. Kalte Hände allein sind kein zuverlässiger Indikator. Schwitzen im Rückenbereich hingegen signalisiert zu viel Isolation. Beobachtung ersetzt starre Temperaturtabellen.

Richtig gekleidet in der Übergangszeit bedeutet deshalb nicht, möglichst dick zu kleiden, sondern intelligent zu kombinieren. Es geht um Materialkompetenz statt Saisonetikett, um atmungsaktive Systeme statt synthetische Abdichtung. Naturfasern arbeiten mit der Physiologie des Kindes. Sie puffern Temperaturschwankungen, gleichen Feuchtigkeit aus und reduzieren tägliche Unsicherheit.
Die Übergangszeit existiert, weil sie Anpassungsfähigkeit verlangt. Wer Schichten strategisch denkt, reduziert Komplexität. Kleidung wird damit zur stillen Infrastruktur im Alltag – unauffällig, funktional und präzise abgestimmt auf die Bedürfnisse sensibler Kinderhaut.
Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin von Bauchliebe.ch
Pädagogin und Mutter von drei Kindern