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Second Hand und neue Kleider

Second Hand und neue Kleider

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Second Hand oder neue Kleider? Ressourcenökonomie jenseits moralischer Vereinfachung?


Bauchliebe.ch - von Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin

Die Debatte um Second Hand ist moralisch aufgeladen. Gebraucht gilt als gut, neu gilt als problematisch (Das würde mein Mann und meine Mutter ohne zu zögern bestätigen). Doch wer Ressourcen nicht normativ, sondern ökonomisch analysiert, erkennt: Die zentrale Frage lautet nicht „alt oder neu?“, sondern „substituiert oder addiert?“.

Ressourcenökonomie fragt nach absoluten Effekten. Entscheidend ist nicht, ob ein einzelnes Kleidungsstück ein zweites Leben erhält, sondern ob dadurch tatsächlich Primärproduktion verdrängt wird. Wird Second Hand additiv konsumiert, entsteht kein ökologischer Gewinn, sondern eine Ausweitung des Gesamtkonsums. Hier wirkt der bekannte Rebound-Effekt: Das gute Gewissen senkt die Hemmschwelle – und der Ressourcenverbrauch bleibt konstant oder steigt sogar.

Ein neues Kleidungsstück ist verdichtete Natur. Wasser, Energie, Fläche, Chemikalien, Arbeitskraft und Kapital kumulieren sich in einem Textil. Diese Ressourcen sind bereits gebunden, bevor es im Regal liegt. Die ökologische Belastung entsteht primär in der Produktion, nicht im Verkauf. Second Hand verlängert diese Wertbindung – und genau darin liegt sein legitimer Beitrag: Lebensdauerverlängerung senkt die Belastung pro Nutzungseinheit.

Doch Lebensdauer ist keine moralische Kategorie, sondern eine materielle Eigenschaft. Fast Fashion wurde nie für Zirkularität konzipiert. Geringe Materialqualität, verkürzte Trends, chemisch intensive Verarbeitung – solche Produkte bleiben ressourcenineffizient, selbst wenn sie ein zweites oder drittes Leben erhalten. Der Kreislauf kann nur so stabil sein wie das Produkt robust ist.

Hier verschiebt sich die Perspektive: Nachhaltigkeit ist kein Kaufmoment, sondern eine Designentscheidung. Wer langlebig produziert, reduziert die Ressourcenbelastung pro Tragetag signifikant. Wer kurzlebig produziert, externalisiert ökologische Kosten – unabhängig davon, ob das Produkt später weiterverkauft wird.

Auch der Second-Hand-Markt selbst ist kein ressourcenfreier Raum. Sammelsysteme, Sortieranlagen, internationale Transporte, digitale Plattformen, Reinigung – all dies benötigt Energie und Infrastruktur. Ein Teil der global gesammelten Altkleider wird exportiert; was dort nicht verkäuflich ist, wird entsorgt. Der Kreislauf ist daher partiell, nicht geschlossen. Kreislaufwirtschaft bleibt ein Ziel, keine Realität.

Eine differenzierte Analyse muss zudem zwischen relativer und absoluter Einsparung unterscheiden. Wird durch Second Hand tatsächlich weniger produziert (absolute Reduktion)? Oder verteilt sich die bestehende Produktion lediglich auf mehr Konsumenten (relative Entlastung)? Ohne Produktionsrückgang bleibt die strukturelle Ressourcenintensität des Systems bestehen.

Die eigentliche Hebelwirkung liegt daher in der Primärproduktion: hochwertige Materialien, transparente Lieferketten, reduzierte Stückzahlen, langlebiges Design. Qualität ist keine ästhetische, sondern eine ökologische Kategorie. Ein robustes Kleidungsstück amortisiert seinen Ressourcenaufwand über Zeit. Es wird vom Konsumgut zum Gebrauchsgut.

Second Hand ist in diesem Kontext kein Gegenmodell, sondern eine Verlängerungsschleife. Besonders bei Kinderkleidung mit kurzen Wachstumszyklen ist sie rational. Doch sie ersetzt nicht die Notwendigkeit struktureller Produktionsreduktion. Ohne weniger Output bleibt jeder Kreislauf eine Umverteilung.

Die entscheidende Ressource ist letztlich nicht Baumwolle, Polyester oder Wolle. Es ist Systemintelligenz. Wer weiss, was benötigt wird, reduziert Nachfrage. Wer Qualität erkennt, verlängert Nutzung. Wer substitutiv statt additiv konsumiert, senkt absolute Ressourcenbindung.

Die ökologische Zukunft der Textilindustrie entscheidet sich nicht im moralischen Gegensatz zwischen Second Hand und Neuware. Sie entscheidet sich dort, wo Produktion reduziert, Lebensdauer maximiert und Konsum rationalisiert wird.

Nicht das Etikett „gebraucht“ oder „neu“ bestimmt die Nachhaltigkeit.
Sondern die Frage, ob das System insgesamt weniger Ressourcen bindet.

Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin von Bauchliebe.ch
Pädagogin und Mutter von drei Kindern

 

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