Unternehmertum 2026: Eine leise Verschiebung über Jahrzehnte
Vom Machen zum Ordnen – und warum sich alles verändert hat, ohne sich neu zu erfinden
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Bauchliebe.ch - von Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin

Wer heute über Unternehmertum spricht, spricht fast zwangsläufig über Gegenwart. Über Tools, Plattformen, künstliche Intelligenz, Sichtbarkeit. Doch um zu verstehen, was 2026 wirklich bedeutet, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Nicht aus Nostalgie – sondern zur Einordnung.
In den 1980er- und 1990er-Jahren war Unternehmertum stark durch Knappheit geprägt. Informationen waren begrenzt, Märkte weniger transparent, Zugänge schwieriger. Wer etwas aufbaute, tat dies oft mit einem klar umrissenen Umfeld. Konkurrenz war sichtbar, aber überschaubar. Entscheidungen basierten weniger auf Daten als auf Erfahrung und – ja – auf Bauchgefühl.
Mit den 2000er-Jahren begann sich dieses Bild zu verschieben. Das Internet öffnete Räume. Plötzlich wurde Reichweite möglich, unabhängig von Standort und Grösse. Unternehmertum wurde digital erweiterbar. Webseiten, erste Onlineshops, Suchmaschinen – all das schuf neue Chancen, aber auch neue Dynamiken. Sichtbarkeit wurde zu einer aktiven Aufgabe.
Die 2010er-Jahre brachten eine weitere Verdichtung. Plattformen strukturierten den Zugang zu Märkten. Soziale Medien veränderten die Kommunikation. Werbung wurde präziser, messbarer, skalierbarer. Unternehmertum bewegte sich stärker in Richtung Optimierung. Daten ersetzten zunehmend das Bauchgefühl – oder vielleicht sogar ein Stück weit die Bauchliebe.
Und dann kamen die 2020er-Jahre. Eine Zeit, in der sich viele dieser Entwicklungen überlagerten. Technologische Fortschritte beschleunigten sich, gleichzeitig nahm die Komplexität zu. Märkte wurden globaler, vergleichbarer, dichter. Was früher nacheinander geschah, geschieht nun gleichzeitig.
2026 steht nicht für einen Bruch mit dieser Entwicklung, sondern für ihre Konsequenz. Die Werkzeuge sind da. Die Zugänge sind offen. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Und genau darin liegt die Verschiebung.
Was früher durch Knappheit begrenzt war, wird heute durch Überfluss herausgefordert.
Information ist jederzeit verfügbar. Produkte sind vergleichbar. Anbieter zahlreich. Die Frage ist nicht mehr, ob etwas existiert – sondern wie es wahrgenommen wird. Unternehmertum bewegt sich damit weg vom reinen Aufbau hin zur Einordnung. Dinge entstehen nicht mehr im luftleeren Raum, sondern in einem dichten Geflecht aus Alternativen, Erwartungen und Kontexten.
Interessant ist, dass sich dabei die grundlegende Natur des Unternehmertums kaum verändert hat. Es geht noch immer um das Verstehen von Bedürfnissen, um das Gestalten von Lösungen, um das Treffen von Entscheidungen unter Unsicherheit. Doch die Umgebung, in der dies geschieht, ist präziser geworden.
Vielleicht lässt sich die Entwicklung so beschreiben:
Früher war es entscheidend, etwas zu schaffen.
Dann wurde es entscheidend, es sichtbar zu machen.
Heute wird es entscheidend, es einordnen zu können.
Auch Technologie fügt sich in diese Linie ein. Was einst als Vorteil begann, ist heute Standard. Webseiten, Shopsysteme, Automatisierung – all das gehört zur Grundausstattung. Künstliche Intelligenz reiht sich nahtlos ein. Sie verändert weniger das Was, sondern das Wie schnell und wie klar etwas sichtbar wird.
Und doch fehlt in dieser Betrachtung oft ein leiser, aber entscheidender Faktor: Mut.
Nicht der spektakuläre Mut der grossen Würfe, sondern der stille Mut des Anfangens. Der Mut, ein kleines Geschäft zu eröffnen, ein Sortiment sorgfältig zusammenzustellen, sich täglich den Fragen von Kunden zu stellen und Entscheidungen zu treffen, die selten absolut sicher sind. Dieser Mut war in den 1980er-Jahren notwendig, in den 2000ern nicht weniger – und er ist es 2026 vielleicht mehr denn je.
Gerade weil vieles einfacher geworden ist, wird der Schritt, es wirklich zu tun, nicht kleiner. Im Gegenteil. Die Vergleichbarkeit ist grösser, die Transparenz höher, die Unsicherheit sichtbarer. Wer heute unternehmerisch tätig ist, steht nicht nur vor einem Markt, sondern vor einem Spiegel. Alles ist messbar, bewertbar, kommentierbar.
Und dennoch sind es nicht nur grosse Unternehmen, die Unternehmertum prägen. Es sind die vielen kleinen Einheiten, die täglich Entscheidungen treffen, Sortimente kuratieren, Beziehungen pflegen und Verantwortung übernehmen. Sie verändern keine Märkte auf einen Schlag – aber sie verschieben sie kontinuierlich.
Vielleicht ist genau das die unterschätzte Kraft des Unternehmertums. Dass es nicht zentral gesteuert wird, sondern dezentral entsteht. In Läden, in Werkstätten, in kleinen Onlineshops, in Familienbetrieben. Dort, wo Nähe noch möglich ist und Entscheidungen direkt spürbar werden.
So betrachtet ist Unternehmertum 2026 nicht nur eine Frage von Technologie, Struktur oder Strategie. Es ist auch eine Frage des Mutes, sich in diesem Geflecht zu positionieren – bewusst, klar und mit der Bereitschaft, Verantwortung zu tragen.
Und vielleicht schliesst sich hier der Bogen über die Jahrzehnte:
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert.
Die Werkzeuge sind andere geworden.
Doch der Kern ist geblieben.
Der Moment, in dem jemand entscheidet, es zu tun.
Hezlichst
Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin von Bauchliebe.ch
Pädagogin und Mutter von drei Kindern