Warum es GOTS gibt – und was nicht zertifizierte Textilien verschweigen
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Bauchliebe.ch - von Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin


Wenn man verstehen will, warum es GOTS überhaupt gibt, muss man dorthin schauen, wo Textilien lange nicht gesehen wurden. Nicht in Schaufenster oder Onlineshops, sondern auf Felder, in Färbereien, in Nähsäle. Die Textilindustrie hat ihre Probleme nicht erst in den letzten Jahren entwickelt. Sie hat sie über Jahrzehnte normalisiert.
Baumwolle ist dafür ein gutes Beispiel. Sie gilt bis heute als natürliches Material, als etwas Unbedenkliches. Tatsächlich war konventioneller Baumwollanbau lange einer der chemikalienintensivsten Bereiche der Landwirtschaft. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden Pestizide eingesetzt, die inzwischen in vielen Ländern verboten sind. Die Folgen waren ausgelaugte Böden, belastetes Trinkwasser und gesundheitliche Schäden bei Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Baumwolle war in vielen Regionen wirtschaftlich überlebenswichtig. Die Risiken trugen andere.
Als Bio-Baumwolle aufkam, schien das Problem gelöst. Doch es zeigte sich schnell, dass der Rohstoff nur ein Teil der Geschichte ist. Nach der Ernte beginnt eine Verarbeitungskette, die mindestens ebenso relevant ist: Spinnen, Bleichen, Färben, Ausrüsten. Gerade in der Färberei wurden über Jahre hinweg Substanzen eingesetzt, die giftig, wassergefährdend oder hormonell wirksam sind. In Produktionsländern wie Bangladesch, China oder Indonesien waren verfärbte Flüsse kein Ausnahmefall, sondern Alltag. Ein Produkt konnte aus Bio-Baumwolle bestehen und trotzdem erheblich zur Umweltbelastung beitragen.
Parallel dazu rückten die Arbeitsbedingungen in den Fokus. Spätestens ab den 1990er-Jahren wurde sichtbar, unter welchen Umständen Kleidung hergestellt wurde: extrem lange Arbeitszeiten, fehlender Arbeitsschutz, Kinderarbeit, Löhne unter dem Existenzminimum. Die Branche reagierte zunächst mit freiwilligen Selbstverpflichtungen. Verhaltenskodizes, eigene Labels, interne Audits. Vieles davon war gut gemeint, wenig davon konsequent kontrolliert.
Aus genau dieser Situation heraus entstand der Gedanke eines ganzheitlichen Standards. Nicht als Marketinginstrument, sondern als Korrektiv. Der Global Organic Textile Standard wurde entwickelt, um die Brüche in der Lieferkette zu schliessen. Die Grundannahme war einfach: Ein Textil ist nur so verantwortungsvoll wie der schwächste Schritt in seiner Herstellung.
GOTS betrachtet deshalb nicht einzelne Aspekte, sondern die gesamte Produktionskette. Vom Anbau der Faser über Spinnerei, Färberei und Konfektion bis zum fertigen Produkt. Jede beteiligte Stufe muss nach definierten Kriterien arbeiten. Diese Kriterien sind öffentlich, überprüfbar und verbindlich. Sie betreffen Umweltauflagen ebenso wie soziale Mindeststandards. Zertifikate werden zeitlich begrenzt vergeben, Kontrollen finden regelmässig statt, teils unangekündigt.
Ein Beispiel macht den Unterschied greifbar. Ein Babybody aus Bio-Baumwolle kann vieles bedeuten. Ohne Zertifizierung weiss man nicht, ob die Baumwolle getrennt verarbeitet wurde oder mit konventioneller Ware vermischt. Man weiss nicht, welche Farben eingesetzt wurden, ob Abwasser gereinigt wurde, ob Näherinnen Schutz hatten oder existenzsichernd bezahlt wurden. Man kann hoffen. Man kann vertrauen. Aber man kann es nicht überprüfen.
Nicht zertifizierte Produkte arbeiten oft mit Einzelargumenten. Naturfasern. Eigene Kontrollen. Kurze Lieferketten. All das kann stimmen. Es kann aber auch nur ein Ausschnitt sein. Ohne unabhängige Prüfung bleibt jede Aussage isoliert. Das Problem ist nicht zwingend schlechte Praxis, sondern fehlende Nachvollziehbarkeit. Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das, selbst interpretieren zu müssen, was ein Versprechen wert ist.
GOTS entzieht dieser Grauzone den Boden. Der Standard lässt wenig Spielraum für Auslegung. Entweder eine Lieferkette erfüllt die Anforderungen oder sie erfüllt sie nicht. Dazwischen gibt es kein fast, kein eigentlich, kein wir bemühen uns. Das macht GOTS unbequem. Für Hersteller, weil Flexibilität verloren geht. Für Händler, weil nicht alles möglich ist. Für Konsumenten, weil einfache Geschichten nicht mehr funktionieren.
Gleichzeitig ist GOTS kein Reinheitsversprechen. Auch zertifizierte Textilien sind Industrieprodukte. Sie verbrauchen Ressourcen, sie werden transportiert, sie haben ökologische Fussabdrücke. Der Unterschied liegt nicht in Perfektion, sondern in Transparenz. GOTS macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt, und zwingt dazu, Verantwortung nicht nur zu behaupten, sondern zu belegen.
Die kritische Betrachtung nicht zertifizierter Textilien ist deshalb kein moralisches Urteil. Sie ist eine Frage der Einordnung. Wer ohne Zertifikat arbeitet, kann sehr gute Arbeit leisten. Aber er bleibt erklärungspflichtig. GOTS ist aus realen Missständen entstanden, aus dokumentierten Schäden, aus der Erkenntnis, dass gute Absichten erst dann zählen, wenn sie überprüfbar werden. In einer Branche, die lange von Unsichtbarkeit gelebt hat, ist genau das sein zentraler Wert.
Belinda Kurmann, Gründerin und Inhaberin von Bauchliebe.ch
Pädagogin und Mutter von drei Kindern